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Prüm eifelstark
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14.07.2019

Vor 70 Jahren in Bildern u. Geschichten: Schwarzer Freitag - Explosionskatastrophe auf dem Kalvarienberg Prüm mit 12 Toten am 15. Juli 1949

Prüm (boß) Der »Schwarze Freitag« von Prüm wird unvergessen bleiben. Vor 70 Jahren, am 15. Juli 1949 gegen 20.20 Uhr, explodierten im Stollensystem auf dem 569 m hohen Kalvarienberg 500 Tonnen Sprengmunition.

In diesem Jahr werden zum runden Datum in Prüm Gedenkveranstaltungen und Erinnerungen stattfinden.
Die Explosion verwandelte innerhalb von Sekunden die nach Kriegszerstörung im Aufbau befindliche Stadt in ein Trümmerfeld. Traurige Bilanz: 12 Tote, 60 Verletzte, 237 zerstörte bzw. beschädigte Häuser und rund 1000 Obdachlose.
Das tragische Ereignis brachte das Eifelstädtchen europaweit in die Schlagzeilen der Medien. Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen waren vor Ort.
Nicht auszudenken jedoch, was passiert wäre, wenn die örtliche Gendarmerie nicht vorausschauend beim ersten Anzeichen eines Stollenbrandes ca. eine Stunde vor der großen Explosion die Bevölkerung gewarnt und die Stadt rechtzeitig evakuiert hätte (siehe unten das gesonderte Interview von dem Journalisten Manfred Trost mit dem Zeitzeugen Gendarmeriehauptwachtmeister Albert Gerhards aus dem Jahr 2001). Allerdings kamen nicht alle der Aufforderung zur Räumung nach.
250 000 cbm Schuttmassen wurden in die Luft geschleudert und verdunkelten die Stadt für 20 Minuten. Feinster Staub ging noch in der 20 Kilometer entfernten Stadt Gerolstein nieder. Die Detonation wurde sogar in Trier und Koblenz gehört, und die Erdbebenwarte in Stuttgart registrierte die Erschütterungen.

Die Katastrophe von Prüm hatte eine große Hilfswelle in der gesamten Region und im benachbarten Belgien und Luxemburg ausgelöst. Insgesamt 3,7 Mio. Mark wurden an die Geschädigten ausgezahlt, die teilweise Hab und Gut verloren hatten und vor dem Nichts standen. Dies geschah nur vier Jahre nach dem zweiten Weltkrieg, wo unter der Bevölkerung noch große Armut herrschte und die Stadt im Wiederaufbau war.  
Die Toten wurden durch ein Staatsbegräbnis mit dem Trierer Erzbischof Dr. Franz Rudolf Bornewasser und dem damaligen Ministerpräsidenten Peter Altmeier geehrt. Darunter war auch das Prümer Original "Zimmers Kättchen", die immer wieder erzählt hatte, dass sie von einem Bischof beerdigt werden würde. Ihr zur Erinnerung steht heute noch ein Gedenkstein auf dem Prümer Friedhof.
Ob der Vorfall in dem französischen Munitionsbunker ein Unglücksfall oder Sabotage war, ist bis zum heutigen Tage nicht geklärt. Seinerzeit wurde der damalige Verteidigungminister Rudolf Scharping bei einem Besuch in Prüm von der Nachrichtenagentur INPUT-Medien gebeten, dem ungelösten Fall in Frankreich nachzugehen. Auch diese Recherchen auf höchster Ebene verliefen ohne greifbares Ergebnis. Die Archive der Alliierten sind wohl noch geschlossen.
Schon lange vor der Katastrophe hatten die Einwohner und Behörden von Prüm bei der französischen Besatzungsmacht reklamiert, daß die Lagerung von über 500 Tonnen Sprengstoff eine große Gefahr für die Bevölkerung bedeute.
Die beiden 100 und 60 Meter langen und 4,30 Meter breiten, zusammenhängenden Stollen waren 1939 für den Westwall gebaut worden. Nach Kriegsende wurde hier Sprengstoff eingelagert, um die Westwall-Bunker im Grenzland wieder zu sprengen.
Über dem großen und teils bewachsenen Krater erhebt sich ein hohes steinernes Mahnkreuz mit der Aufschrift »Diene der Versöhnung und dem Frieden - zur Erinnerung an die Explosionskatastrophe am 15. Juli 1949«, nachdem zunächst über Jahre ein weit sichtbares, beleuchtetes Holzkreuz dort aufgestellt war.
Zu allem Unglück ist in einem Teich in der tiefen Kraterlandschaft 1961 ein Junge und Schüler aus dem Bischöflichen Konvikt beim "Bootfahren" ums Leben gekommen.

Unterhalb im Park befindet sich ein 1983 errichteter Nachbau der zerstörten Kalvarienbergkapelle und ein moderner Kreuzweg sowie mittlerweile der Bestattungswald der Stadt Prüm. Aus einem Schreckensberg ist mit den Jahrzehnten ein Ort der Ruhe und Besinnung geworden. Es gibt nur noch wenige Lebende in Prüm, die sich an dieses schreckliche Ereignis erinnern können.

Heinz Günter Boßmann

Der Kalvarienberg erinnert sich:
„Ja, die Explosionskatastrophe hat ein großes Loch aus mir herausgerissen. Einer der größten von Menschenhand verursachten Krater ist in mir entstanden.
Es begann alles Anfang des zweiten Weltkrieges 1939. Im Zuge des Westwallbaus wurden zwei 60 und 100 Meter lange Stollen rund 30 Meter tief unter meinem Gipfel gebohrt. 

Ab 1947 hatte man hier unter der französischen Besatzung 500 Tonnen Sprengstoff gelagert, mit denen die Reste des Westwalls zerstört werden sollten.
Insbesondere den Prümer Bürgern war es bewusst, da sie täglich die Transporte miterlebten, dass bei einem Feuer hier eine Katastrophe ausbrechen würde. Die Sicherheitskräfte waren im Unterbewussten darauf vorbereitet.

Und so kam es dann auch am 15. Juli 1949. Um genau 18.20 Uhr bemerkte ein Wachmann Qualm aus einem Luftschacht. Kurz darauf hallte das Brandglöckchen durch die Abteistadt. Löschversuche der Feuerwehr scheiterten, und schließlich wurden die Wehrkräfte rechtzeitig vor der Detonation abgezogen.
Der größte Teil der Bevölkerung konnte evakuiert werden.

Um 20.20 Uhr war es soweit. Eine gewaltige Detonation erschütterte mich bis ins Mark. Es war, als breche die Hölle auf mit ohrenbetäubendem Krachen. Eine etwa 2.000 Meter hohe, pilzförmige Feuer- und Staubsäule stieg über mir empor. 250.000 cbm Steine, Erde und Bautrümmer wurden aus mir herausgerissen und hagelten auf Prüm hinab. Minutenlang war es finster um mich. Und an keinem Baum war mehr ein Blatt zu sehen.

Bis heute ist die Wunde auf meinem Haupte nicht verheilt. Ich bin mittlerweile zugewachsen, so dass man das Ausmaß des Kraters nicht mehr sehen kann. Über mir wacht ein Basaltkreuz, das zu Frieden und Versöhnung aufruft.“

Auszug aus einer Hinweistafel auf dem Kalvarienberg  


Aus dem Bundesarchiv:
https://www.filmothek.bundesarchiv.de/video/583649?q=pr%C3%BCm

Interview von Manfred Trost mit dem damaligen Gendarmeriehauptwachtmeister Albert Gerhards als Zeitzeuge aus dem Jahr 2001:
https://youtu.be/fFdicFHHtKA 

Fotos und Informationen an input-presse@t-online.de

Fotogalerie

 
Archiv Joachim Schröder/Fotograf Fredy Lange: Die Stadt Prüm mit den kahlen "Kalleberg" 1949

           
Archiv Roland Münz                 Monika Rolef        Niederprümer Kloster-
                                                                                    schüler Archiv Schröder

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Spitalgasse          Evang. Kirche      Hahnstraße           Tettenbachtal
Die drei ersten Fotos entstanden nach dem Krieg 1945/1946

             
Kalvarienbergstr. Tiergartenstraße ...

            
Beisetzung der Opfer
     
Archiv Hans Kreutz, Prüm 

                    
Archiv Rolef: Stadtansicht, Trümmerfelder und Beerdigung        
 

                
Archiv Faas: Obere Tiergartenstraße und das zerstörte Kino    

               
Archiv Schreiter: Krater mit Kreuz,    Archiv                    Archiv
Kapellenruine                                         Lambert Peters   Manfred Schmitz    

           
Fotos Heinz-Günter und Hilde Boßmann:
Gedenksteine am Friedhof, Friedenskreuz,        Krater heute zugewachsen


Foto Heinz-Günter Boßmann
Noch heute liegen Bunkerreste in der Nähe des Kraters am Kalvarienberg

Der Autor Heinz-Günter Boßmann, geb. 1950, erinnert sich:
„Das Thema Explosionskatastrophe war in unserer Familie ständig präsent. Meine Eltern kamen 1947 bzw. 1948 berufsbedingt mit meiner Schwester von Koblenz nach Prüm. Die Familie bezog in der Kalvarienbergstraße 8 oberhalb des damaligen Landratsamtes und gegenüber der heutigen Karolingerhalle eine Dienstwohnung auf der unteren Etage. Hier verbrachte ich meine ersten sechs Lebensjahre.
Der 15. Juli sollte damals als Namenstag meines Vaters Heinrich zum ersten Mal seit dem Krieg friedlich im Kreise von Verwandten gefeiert werden. Der Tisch war mit Blumen geschmückt und ein „üppiges Abendessen“ war in Vorbereitung.
Dann um 19 Uhr an dem heißen Sommerabend Besuch von der Gendarmerie mit der Bitte, Prüm sofort zu verlassen, da der Explosionsbunker auf dem Kalvarienberg brenne.
Aufgrund der Windverhältnisse entschloss sich mein Vater, mit seiner Namenstagsgesellschaft ins Kloster nach Niederprüm zu flüchten. Von hier aus konnten sie in panischer Angst die gewaltige Explosion des Stollen-Bunkers genau beobachten und die Eruption der riesigen Schuttmassen miterleben. Die Stadt verdunkelte sich zusehends für viele Minuten.
Noch am Abend kehrten sie in ihre Wohnung zurück und sahen das beschädigte Haus, da am Dach Geröllmassen ein Loch eingeschlagen hatten (Foto siehe unten). Ein dicker Felsbrocken war durch das Dach und die Zwischendecke bis auf den Esstisch geprallt. An Namenstag war natürlich nicht mehr zu denken, da es sofort mit den Aufräumarbeiten losging.
Durch die schwere Trümmerarbeit und den Schock erlitt meine Mutter in der Folge eine Fehlgeburt. Auch alle anderen Beteiligten hatten lebenslag traumatische Erinnerungen an die Explosionskatastrophe von Prüm.“


Hier schlug 1949 ein Felsbrocken durch Dach und Decke

Dazu der Geschichtskenner und Autor Joachim Schröder aus Pronsfeld:
Große Anerkennung für die Replik auf die Explosionskatastrophe in Prüm 1949. Das sind äußerst aussagekräftige Fotos, so bleiben sie der Nachwelt erhalten.
Ich war an dem "Schwarzen Freitag" rund zehn Wochen alt, meine Mutter Agnes und  mein Vater Pitter erzählten mir sehr früh von der Katastrophe: Beide wurden auf dem Grundstück "In der Laach" zwischen Pittenbach und Pronsfeld an der Prüm Zeugen des schlimmen Vorfalls. Sie befanden sich mitten in der Heuernte und spürten förmlich den "schwarzen Regen", der auf sie niederfiel. Auch den gewaltigen Donnerschlag erwähnten sie oft. Luftlinie waren es "nur" acht Kilometer.
Auch meine Oma Kätchen aus dem Alferweg - damals 53 Jahre - ließ das Thema oft anklingen.
Übrigens: Ein Junge, der 1961 im Krater ertrunken ist, war Rudi Mattes aus Detzem/Mosel, der Schüler in meiner Klasse auf dem Gymnasium war.

Das damals 9-jährige Mädchen Monika Regnery (Rolef) erinnert sich:
"Ein heißer Sommertag am 15. Juli 1949. Ea war genau so warm wie heute. Wir Kinder von der Ritz (Anmek.d.Red.: gemeint ist Ritzstraße) gingen in die Held Beeren suchen. Gegen 17 Uhr begaben wir uns bergab auf den Heimweg. Auf der Heldstraße kam uns aus Richtung Prüm-Stadt ein mit Sand beladener LKW entgegen. Der Fahrer am Steuer der uns bekannte Leo Biwer. Er bat uns, eiligst ins Auto einzusteigen, denn es sei höchste Gefahr, da der Bunker auf dem "Kallebersch" brenne.
Der Satz "de Kallebersch brennt" versetzte uns in Angst und Schrecken, denn damals wußte fast jedes Kind, was das bedeuten würde. Oft genug wurde zu Hause - aber auch in der Schule - über diese Problem gesprochen und gesagt "Wenn der Bunker auf dem Kalvarienberg brennt und in die Luft fliegt, sind wir alle dran!"
Noch  einige Wochen vorher durfte ich mit dabei sein, als mein Vater auf unserem Steyr-Diesel mit einem Wachbediensteten die Stolleneingänge innerhalb des Bunkers auf Wendemöglichkeiten erprobte. An die aufgestapelten Munitionskisten erinnerte ich mich, jedoch welche Folgen das haben könnte, begriff ich als neunjähriges Kind nicht.
So brachte uns das Fluchtauto bis zu "Thiese- Marie" auf die Held (Anm.d.Red.: Gasthaus). Hier große Katastrophenstimmung. Hunderte von Prümern hatten sich eingefunden. Reporter von Rundfunkanstalten wollten Neuigkeiten erfahren. Auch meine Eltern trafen ein, die glücklich waren, uns Kinder gefunden zu haben. Die Fahrt ging weiter bis nach Schönecken auf die Burg. Dort sahen, wie der Kalvarienberg kurz nach 20 Uhr abhob und Prüm in Schutt und Asche legt. Zwischenzeitlich hatte mein Vater sich nach Prüm begeben, um noch Kranke aus dem Not-Krankenhaus zu bergen. Er atmete den schweren roten Sand ein und das hatte tragische Folgen. Ihm riß die Lunge. Sein Leben war nun ruiniert. In den 18 Jahren, die er noch leben durfte, rang er des öfteren mit dem Tod.
Unsere Mutter und wir beiden Mädchen versorgten größtenteils nun die Bevölkerung mit Milch. Ein völlig neues Leben musste beginnen.
Kein Ereignis in meinem Leben ist mir deutlicher im Gedächtnis geblieben als der Tag, als auf dem Prümer Kalvarienberg der Westwallbunker-Stollen in die Luft flog."


Die damals 5-jährige Irmburg Irsch (Schaus) aus Waxweiler:
Wir waren an dem Tag in Prüm. Meine Mutter stammte von da. Ihr Haus war im Krieg zerstört worden, aber sie hatte in der Steinkaul noch einen Garten, in dem wir Johannisbeeren ernteten. Als wir am Spätnachmittag mit dem Bus heim nach Waxweiler fuhren, begann gerade die Evakuierung. Aber keiner wusste so richtig Bescheid und das kleine Wölkchen über dem Kallenberg sah auch nicht so bedrohlich aus. Nur unser Vater machte einen sehr nachdenklichen Eindruck. Am Abend saßen wir zu Hause im Garten und bearbeiteten die Ernte des Tages, als man in der Ferne ein unheimliches Geräusch, ein Dröhnen und Hollern vernahm. "Wenn es das ist, was ich befürchte, dann gnade Gott den Prümern!" Diese Worte unseres Vaters höre ich heute noch.

Jo Kohn - heute Luxemburg:
Das habe ich als Kleinkind erlebt. Wir wohnten in der Spiegelstraße. Ich erzählte noch Jahre später, dass auf dem Kalvarienberg die Hölle aufgegangen war. Der Teufel stand dort und bewarf Prüm mit großen Steinbrocken. Lastwagen fuhren vor und brachten uns fort. Eines Tages stellte meine Tante fest, dass ich wohl von der Explosionskatastrophe sprach.

Julia Peter vom Restaurant Kölner Hof:
Meine Mutter erzählte mir: Am 15. 7., Namenstag "Heinrich", wurde dieser mit einigen Heinrichen in der Wirtschaft Kölner-Hof gefeiert. Einige Bierchen wurden auf Heinrich getrunken. Es war wohl ein heißer Sommertag und die Fenster im Lokal standen auf. Einer lief vorbei, steckte den Kopf durchs Fenster und rief: "Schnell, schnell, packt alles zusammen und lauft aus Prüm raus, der Bunker brennt, der Bunker brennt!" Die Firma Nahrings (ein Heinrich dabei) hatte einen LKW. Sie haben die Menschen dann so schnell wie nur möglich aus Prüm raus gefahren. Denke es sind so einige Leben gerettet worden.