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06.06.2014

Überreste eines amerikanischen Infanteriesoldaten nach Ausgrabungen auf freiem Feld bei Pronsfeld gefunden

Pronsfeld/Chicago (red/boß) Bei Ausgrabungsarbeiten im Zeitraum vom 21. bis 26. Mai 2014 wurden auf freiem Feld bei Pronsfeld die sterblichen Überreste eines amerikanischen Infanteriesoldaten von der Arbeitsgemeinschaft Luftkrieg über der Eifel (AG LüdE) gefunden.

„Nach unseren Recherchen könnte es sich dabei um den am 16. Februar 1926 in Chicago geborenen Allan Richard Hult handeln, der in der Nacht zum 27. Februar 1945 in der Nähe des Fundortes gefallen ist“, so der 1. Vorsitzende der AG LüdE, Manfred Klein.
In Zusammenarbeit mit der Kripo Prüm und der Staatsanwaltschaft Trier konnten die sterblichen Überreste der zuständigen amerikanischen Dienststelle in Landstuhl übergeben werden, die sie zur Identifikation an das zentrale Identifikationslabor auf Hawaii weiterleitete.
Nun muss ein DNA-Abgleich nachweisen, ob es sich bei den sterblichen Überresten eindeutig um den damals gerade 19-jährigen Allan Richard Hult handelt.
Die jahrelange akribische Kleinarbeit der ehrenamtlichen AG LüdE geht in diesem Fall auf das Jahr 2006 zurück, als sie die Personalakte des PFC (Obergefreiten) Allan Richard Hult durch die amerikanischen Militärbehörden erhalten hatte. Dabei halfen Luftbildaufnahmen aus den Jahren nach dem Krieg bis hin zur Flurbereinigung.

Heinz-Günter Boßmann

Hintergrund:

Das spurlose Verschwinden eines Menschen wirft Fragen auf, egal, an welchem Datum dieser Mensch verschwunden ist und Trauerbewältigung benötigt einen Ort. Um der Familie, besonders der noch lebenden Schwester des jüngsten, auf dem europäischen Kontinent noch vermissen GI’s des 2. Weltkrieges diesen Ort zu schaffen, war die Arbeitsgemeinschaft Luftkrieg über der Eifel (AG LüdE) unter der Leitung von Manfred Klein  aus Buchet und Robert Fuchs aus Habscheid in den letzten sieben Jahren damit beschäftigt, in minutiöser Kleinarbeit den letzten Stunden im Leben des „Obergefreiten“ Allan Richard Hult aus dem US Bundesstaat Illinois nachzugehen.

Ausgangslage Februar 1945
Als es dem 8. Regiment der 4. US amerikanischen Infanterie Division  am 09. Februar 1945 bei Hermespand gelang, einen Brückenkopf zu bilden und wenige Tage später die Waldstadt Prüm am 11./12. September 1944 durch Teile des 22. Regimentes der gleichen Division eingenommen wurde, hofften die Menschen des Prümer Landes auf ein rasches Ende der seit September 1944 andauernden Kampfhandlungen.
Am 06. Juni 1944, heute vor genau 70 Jahren, gelang es den westlichen Alliierten in der Operation Overlord gemäß ihrem Bündnis, Landungstruppen an den Stränden der normannischen Küste von der Ornemündung bis St. Mere Eglise zu etablieren.
Trotz heftiger Gegenwehr und sehr großer Verluste gelang es den Alliierten binnen eines Monats, über eine Millionen Soldaten auf das europäische Festland zu bringen.
Nur zögerlich schafften sie es, den Brückenkopf auszubauen.
So wurde  am 25. Juli erst die D+5-Linie erreicht; eine Frontlinie, die nach der Overlord-Planung schon am 11. Juni hätte erreicht werden sollen.
In der Kesselschlacht um Falaise vom 12. August bis 21. August 1944 gelang es den westlichen Alliierten dann endgültig, den Durchbruch zu erzielen.
Am 25. August konnte Paris befreit werden. Die Front im Westen schien auseinanderzubrechen. 
Wenige Tage später, am 11. September 1944 gelang es einem Spähtrupp des 22. Regimentes der 4. Infanterie Division, die Our zu überqueren und deutschen Boden bei Winterspelt-Hemmeres zu betreten.
Zeitgleich gelang es einem weiteren Spähtrupp der 28. Infanterie Division bei Harspelt (VG Arzfeld), deutschen Boden zu erreichen. Damit standen alliierte Truppen vor dem Westwall.
Ein nur zögerliches Vordringen, eine Geisterfront und die Ardennenoffensive im Dezember 1944 sind prägend für den Frontverlauf von Mitte September 1944 bis zum Januar 1945.
Nun, ein halbes Jahr später, steht die gleiche amerikanische Einheit, die nach erheblichen Verlusten in der Hürtgenwaldschlacht (November 1944) und der Ardennenoffensive (Dezember 1944) wieder personell aufgefüllt wurde, im nahezu gleichen Frontabschnitt.
Das Prümtal war nun endgültig in den „Fokus des Krieges“ geraten.  Und 14 Tage lang, so schien es, war diese Maschinerie zum Stehen gekommen.
Nachschubschwierigkeiten, bedingt durch lange Nachschubwege und unpassierbar gewordene Straßen veranlassten die amerikanische Führung zu einer 14-tägigen Kampfpause.
Zwar war der Westwall auf breiter Linie durchstoßen worden, jedoch befand sich auf dem Ostufer der Prüm noch die sogenannte „Prümtal-Stellung“ als erste Auffanglinie hinter dem Westwall. Ihr Ausbau begann im September 1944 und zog sich bis in den November 1944 hin. Aus gut getarnten Feldbefestigungen, Laufgräben und Maschinengewehrstellungen war es möglich, jede Bewegung auf dem westlichen Ufer der Prüm zu beobachten.
Im Wesentlichen zog sich diese Linie zwischen Neuendorf und Pronsfeld fast ausschließlich am Rande schützender Wälder hin, so dass Bewegungen in ihr dem spähenden Auge des Gegners fast immer verborgen blieben.
Im Kampfgebiet zwischen Olzheim und Pronsfeld blieb es im Wesentlichen ruhig. Nur rege Spähtrupptätigkeit herrschte beiderseitig, die zum Ziele hatte, die Position des Gegners aufzuklären.

Frontlage am 26.02.1945
Die 90. Infanterie Division hält einen Frontabschnitt entlang der Prüm bis nach Watzerath / Weinsfeld.
Ab Watzerath / Weinsfeld bis nach Olzheim steht die 4. Infanterie Division am Ufer der Prüm, wobei das 8. Regiment im Norden einen Frontabschnitt von Olzheim bis Dausfeld, das 22. Regiment einen Abschnitt von Dausfeld bis Niederprüm und das 12. Regiment einen Abschnitt von Niederprüm bis Weinsfeld hält. Im rückwärtigen Raum steht die 11. US Panzerdivision zum Angriff bereit.
Auf den östlichen Hängen des Prümtals steht von Kleinlangenfeld bis Niederprüm die 5. Fallschirmjäger Division. Ab Niederprüm schließt sich ihr die 326. Volksgrenadierdivision zur Verteidigung dieses Frontabschnitts an. 
Insgesamt stehen in diesem Abschnitt über 15.000 US amerikanische Soldaten einem deutschen Truppenaufgebot von 1500 Fallschirmjägern der 5. Fallschirmjägerdivision, einer Abteilung deutscher Sturmgeschütze der Fallschirm-Sturmgeschütz-Brigade 11 und einem stark dezimierten Kontingent von Volksgrenadieren der 326. Volksgrenadier Division von ca. 360 Soldaten gegenüber.
 
Der Angriffsbeginn und Durchbruch zum Rhein sollte am 28. Februar 1945 um 05:15 Uhr beginnen.
Das 22. Infanterie Regiment der 4. Infanterie Division sollte hierbei im Schwerpunkt aus der Stadt Prüm heraus den Angriff über die Rommersheimer Held in Richtung Gerolstein und Rhein vortragen. In der linken Flanke sollte das 8. Regiment der 4. Infanterie Division durch das Mühlbachtal von Willwerath bis Gondelsheim vorstoßen und den Vormarsch des 22. Regimentes decken. In der rechten Flanke sollte das 12. Regiment der 4. Infanterie Division Niederprüm und den Wehlertsberg erobern, sowie das Vorgehen des 22. Regimentes decken und Kontakt an der Nahtstelle zur Nachbardivision halten.

Aus diesem Grund schickt der Bataillons-Kommandeur des 1. Bataillons des 12. Regimentes, Major Frank P. Burk, am 26.02.1945 gegen 22:00 Uhr einen Spähtrupp von Herscheid aus, um die genaue Lage der deutschen Feldbefestigungen und die Truppenstärke zu aufzuklären.
Führer dieses sieben Mann starken Aufklärungstrupps ist der Oberleutnant Noble V. Borders. Borders ist Zugführer in der C-Kompanie. Er gilt als erfahrener Zugführer.
Ein weiterer Soldat dieses Aufklärungstrupps ist der Obergefreite Allan R. Hult. aus Chicago.
10 Tage zuvor konnte der  junge Mann seinen 19. Geburtstag feiern.
Gegen 22:00 Uhr setzt sich der Spähtrupp von Herscheid aus durch das Mönbachtal in Richtung Watzerath in Bewegung. Bei Watzerath gelingt es dem Trupp, die Prüm zu durchqueren  und die nur dünn besetzten deutschen Linien bei dem 751. Volksgrenadier Regiment (VGR) der 326. Volksgrenadier Division (VGD) zu infiltrieren.
Der Spähtrupp arbeitet sich unbemerkt hinter den deutschen Linien bis kurz vor Pronsfeld vor. Der Ort scheint zu diesem Zeitpunkt menschenleer.
Oberleutnant Borders entscheidet sich zur Umkehr, gerät aber nun vor die durch das vom 2. Bataillon des 751 VGR besetzten Feldstellungen. Auf offener Fläche bietet der sieben Mann starke Spähtrupp von Oberleutnant Borders leichtes Ziel.

Allan R. Hult wird getroffen und ist verwundet. Im Kugelhagel müssen die Kameraden ihn verwundet zurücklassen. Ihnen gelingt es, die eigenen Linien zu erreichen, jedoch können sie über den weiteren Verbleib Ihres Freundes und Kameraden Allan keine Auskunft geben.
Seine Mutter Evelyn erhält in den kommenden Tagen vom Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten die Nachricht, dass ihr einziger Sohn Allan in Europa als vermisst gemeldet wurde. Sein Freund und Kamerad PFC Peter Keck, der mit ihm an dem  Spähtrupp teilnahm, nimmt nach dem Krieg mit Allans Mutter Kontakt auf. Jedoch auch seine Auskünfte sind nur dürftig und mit jeder Aussage ergeben sich mehr offene Fragen, als Erklärungen. Die Jahre ziehen ins Land und außer der Aussage, dass Allan irgendwo in Europa an irgendeinem Hang in Westdeutschland zuletzt gesehen wurde bleibt nichts zurück.

Auf deutscher Seite:
Die Nacht vom 26. zum 27.02.1945 verläuft im Frontabschnitt des 2. Bataillons des 751. VGR zunächst ruhig. Vereinzelt regnet es leicht. Die Temperaturen sind leicht über dem Gefrierpunkt. Auf der amerikanischen Seite scheint es ruhig zu sein, man ahnt jedoch, dass sich auf der Gegenseite etwas tut. Ständige Feuerüberfälle amerikanischer Artillerie und starke Spähtrupptätigkeit kündigen eine amerikanische Großoffensive an. Gegen 02:20 Uhr macht ein Alarmposten auf einer Fläche vor der eigenen Stellung einen gegnerischen Spähtrupp aus. Mit einem gezielten Feuerüberfall automatischer Waffen versucht man, den amerikanischen Spähtrupp zu vertreiben. Gleichzeitig verzichtet man aber darauf, die schützende Deckung zu verlassen und dem Spähtrupp nachzustoßen, da man nicht ausschließen kann, dass sich die gegnerische Aufklärungsabteilung noch irgendwo im Gelände befindet.

Auf deutscher Seite wird das Vorfeld für den Rest der Nacht durch Doppelposten abgesichert.
Bei Anbruch des Tages erkennen die jungen Grenadiere des 2. Bataillons eine sich im Vorfeld befindliche Person. Es ist Allan Hult.

Da er sich auf freiem Feld befindet und diese Stelle auch durch die amerikanischen Stellungen westlich des Prümbaches eingesehen werden kann, können die jungen deutschen Grenadiere Allan keine Kameradenhilfe geben.
Erst bei Anbruch der Nacht vom 27.02. – zum 28.02 gelingt es dem Kompaniechef dieses Abschnittes, Leutnant Erich Röhre, zusammen mit einigen Grenadieren zu der Person im Vorfeld zu gelangen. Zu diesem Zeitpunkt können Sie nur noch den Tod von Allan R. Hult feststellen. Man durchsucht seine Taschen und findet den letzten Brief seiner Mutter an ihn. Entgegen der Anordnung, keine persönlichen Gegenstände mit zu einer Aufklärungsmission zu nehmen, hat Allan diesen Brief doch mitgenommen.
Leutnant Röhre befiehlt, Allan Hult dort wo er gefallen ist, zu bestatten. Den Brief gibt man ihm mit einer Erkennungsmarke zurück.
Durch einsetzendes amerikanisches Artilleriefeuer und der sofortigen Zurücknahme der Hauptkampflinie werden Leutnant Röhre und seine Männer gegen 05:15 Uhr am 28.02.1945 daran gehindert, die Grabstätte zu markieren.
Allan bleibt auf freier Fläche bestattet zurück.
 
 
Genau am 26.02.1946, ein Jahr nach dem Vorfall, meldet der aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft heimkehrende Erich Röhre diese Feldgrablage den amerikanischen Behörden in Frankfurt. Ob er ahnt, dass Allan bis zu diesem Zeitpunkt nicht gefunden worden ist, kann im Nachhinein nicht mehr geklärt werden. Jedoch kann er in seiner Aussage die ungefähre Lage des Feldgrabes von Allan R. Hult wiedergeben. Er fertigt sogar aus dem Gedächtnis eine kleine Skizze mit Schrittmaßen an.
Aber alle Bemühungen der amerikanischen Umbettungsteams, die sterblichen Überreste von Allan Richard Hult zu finden, bleiben ergebnislos.
Mutter Evelyn Hult stirbt 1995 im Alter von 98 Jahren. Ihr sehnlichster Wunsch, den Verbleib ihres Sohnes Allan aufklären zu können, bleibt ihr verwehrt.

Portofolio Allan Richard Hult 

 

geboren:    16. Februar 1926
Geburtsort:   Chicago, Bundesstaat Illinois
Eltern:  Evelyn und Georg Hult, beide schwedische Emigranten
Geschwister   1 Schwester (Jahrgang 1934)
Schulbildung: 2 Jahre High School

Allan Richard Hult trat im Alter von 18 Jahren einem  Orchester in Chicago als Trompeter bei.
Drei Monate später, im März 1944, meldete er sich freiwillig zur US Army.

Diensteintritt:   03.06.1944  Camp Blanding (Fl.)
Grundausbildung:  03.06.1944 - 01.11.1944 Camp Blanding (Fl.)
Ergänzungsausbildung:  02.11.1944 - 19.11.1944 im Fort George G. Meade (Md.)

Verschiffung nach ETO ( European Theatre Operation) ab dem 22.11.1944.
Seit Mitte Dezember 1944 war Allan Richard Hult in der

C – Kompanie 
des 1. Bataillons
des 12th Infanterie Regimentes
der 4th US Infanterie Division

als Infanterist eingesetzt.

Zusammengestellt von Manfred Klein, Arbeitsgemeinschaft Luftkrieg über der Eifel.

Weitere Fotos siehe www.input-aktuell.de

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